Die Entwicklung chinesischer Universitäten und Forschungsinstitute im institutionellen und politischen Kontext

Ein Gastbeitrag von Philipp Böing (Frankfurt School of Finance & Management)

Bestandsaufnahme und Entwicklung einer Zukunftsstrategie

Nach dem Ende der Kulturrevolution in den späten 1970er Jahren war die chinesische Hochschullandschaft sprichwörtlich am Boden. Umso erstaunlicher erscheint der nachfolgende Aufstieg, den chinesische Universitäten bis heute geschafft haben. Der Reformer Deng Xiaoping hob bereits 1977 die Relevanz von Wissen und Humankapital für die Entwicklung Chinas hervor: „Wir müssen über Wissen und über ausgebildetes Personal verfügen. Es sieht heute so aus, als ob China in den Bereichen von Wissenschaft, Technik und Bildung um ganze zwanzig Jahre hinter den entwickelten Ländern hinterherhinke.“ Unsere Studie belegt eindrucksvoll, dass dieser Abstand bis heute deutlich kleiner geworden ist und sich in Zukunft sogar umkehren könnte.

Die 1980er und 1990er Jahre: Dominanz anwendungsorientierter Forschung

Den ersten wirtschaftspolitischen Reformmaßnahmen folgte Mitte der 1980er Jahre bei Universitäten und Forschungsinstituten eine Fokussierung auf unternehmerische Tätigkeiten. Um Budgetknappheit abzufedern und ihre Finanzkraft während der Transformationsphase von Plan- zu Marktwirtschaft sicherzustellen, fanden zahlreiche Unternehmensgründungen durch Universitäten und Forschungsinstitute statt. Diese Firmen folgten weitestgehend dem Geschäftsmodell, Forschungsergebnisse der Institute zu kommerzialisieren und durch die Erlöse die Finanzkraft der Universitäten zu stärken. Chinesische und deutsche Universitätsstrukturen sind durchaus unterschiedlich ausgeprägt. Der Campus einer chinesischen Universität bildet, damals wie heute, einen autarken Lebensraum der „Universitäts-Einheit“ (daxue danwei), inklusive Wohnanlagen, Gesundheitsversorgung, Einzelhandel sowie Kinder- und Seniorenbetreuung. Da der Staat die finanzielle Unterstützung für Universitäten reduzierte, erforderte dies die Generierung neuer Einnahmequellen, um das Leistungsspektrum für Mitarbeiter und Familienangehörige aufrecht zu erhalten.

Entsprechend der Marktbedürfnisse fand an chinesischen Forschungszentren hauptsächlich anwendungsorientierte Forschung und weniger Grundlagenforschung statt. Eine weitere war, dass Universitäten nicht nur wissenschaftliche sondern auch betriebswirtschaftliche Kompetenzen erwarben. Professoren konnten gleichermaßen als Forscher, Dozenten und Manager tätig werden. Der nachhaltige Erfolg dieser Betriebe ist auch heute noch erkennbar. Viele der heutigen globalen und chinesischen Marktführer, wie z.B. Lenovo, Founder und Tongfang, sind ursprünglich von Universitäten und Forschungsinstituten gegründet worden. Bereits früh haben Chinas Universitäten von einer chinesischen Variante des „Bayh-Dole Act“ (US-Gesetz, welches Forschungseinrichtungen die kommerzielle Verwertung ihrer Forschungsergebnisse ermöglicht) profitiert. Dieses Gesetz wurde offiziell im Jahre 2002 eingeführt, regelte de-facto aber bereits seit Mitte der 1980 die Nutzung geistigen Eigentums. Im Gegensatz zu den im Westen bekannten „Spin-Offs“, welche zumeist von Forschern privat gegründet werden, wurden die chinesischen Universitätsfirmen von den Hochschulen direkt gegründet, finanziert und geführt.

Die 2000er Jahre: Fokussierung auf Grundlagen- und Spitzenforschung

Anfang der 2000er Jahre kehrte sich der Trend zu anwendungsorientierter Forschung jedoch um. Der chinesische Staatsrat forderte eine stärkere Trennung zwischen Unternehmen und Forschungszentren und betonte zugleich die Wichtigkeit des Technologietransfers zwischen Forschungszentren und der zunehmend marktwirtschaftlich strukturierten Industrie. In Folge dieses Kurswechsels wurde das Management der Universitätsfirmen direkt auf die dortigen Mitarbeiter übertragen, währenddessen neu gegründete Universitäts-Holdings als rechtliche Eigentümer fungierten. Die Universitäten ihrerseits eröffneten nun Technologieparks um jungen Firmen vorteilhafte Wachstumsbedingungen zu bieten. Die dort ansässigen Firmen waren ehemalige Universitätsfirmen, später jedoch mehrheitlich reguläre Privatfirmen. Der Technologietransfer entwickelte sich im Laufe der 2000er Jahre und resultierte in einer stärkeren Kooperation zwischen Universitäten und Unternehmen. Im Jahr 2009 überholten private Unternehmen die staatlichen Betriebe als Empfänger von Technologien und stellen somit die größte Einnahmequelle im Technologietransfer zwischen Forschungszentren und der Wirtschaft dar. Rückblickend lässt sich daher zusammenfassen, dass in der ersten Phase der Wirtschaftsreformen die unternehmerischen Fähigkeiten der chinesischen Universitäten geschult wurden, während in der zweiten Phase eine Refokussierung auf Forschung und zunehmend auch Grundlagenforschung stattfand.

Die Forschungsorientierung wurde besonders durch zwei Förderungsprogramme unterstützt. Das im Jahr 1993 gestartete „211“ Programm sah zunächst die Förderung von 100 Top Universitäten vor. Darauf aufbauend ist es das Ziel des „985“ Programms, ähnlich der deutschen Exzellenz-Initiative, eine Selektion von 39 Universitäten auf Weltniveau hervorzubringen. Die ausgewählten Universitäten erhalten großflächige Förderungsmaßnahmen und haben sich in den vergangenen Jahren zu forschungsstarken Zentren in der chinesischen Hochschullandschaft entwickelt. Ähnliche Förderungsprogramme gibt es auch für ausgewählte Forschungsinstitute, allen voran die Chinesische Akademie der Wissenschaften. Abschließend ist festzuhalten, dass die chinesischen Hochschulen in den vergangenen Jahren ihre Forschungskompetenz stark ausbauen und gleichzeitig auf ihre betriebswirtschaftlichen Erfahrungen bei der Kommerzialisierung von geistigem Eigentum zurückgreifen können. Zusammengenommen bieten diese Kompetenzen gute Voraussetzungen, um sich in internationalen Patent- und Forschungsrankings zunehmend zu profilieren.

Quellen

Eun, Jong-Hak, Lee, Keun and Wu, Guisheng, „Explaining the „University-run enterprises” in China: A theoretical framework for university-industry relationship in developing countries and its application to China”, in: Research Policy, 35, (2009), 1329-1346.

Hua, Jin, “Entrepreneurial Universities and Industrial Creation in China”, in Hermes-IR, (2013). Kissinger, Henry, “Zwischen Tradition und Herausforderung: China”, (2012).

OECD, “Chapter 4: Industry and Science Relations”, in: OECD Reviews of Innovation Policy: China, (2008).

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